Radioweisheiten vs. Larp-Realität

Plotbücher von ConQuest und Jenseits der Siegel (inkl. Gehirnschnecke)

Plotbücher von ConQuest und Jenseits der Siegel (inkl. Gehirnschnecke)

Ich bin mit dem Auto unterwegs, am frühen Nachmittag. Das Radio dudelt, aber eigentlich höre ich gar nicht richtig hin. Auf der Landstraße nach Hause ist nichts los. Irgend ein Rate-Rätsel-Ding wird gespielt. Die Frage hab ich schon wieder vergessen, die Antwort auch. Der Anrufer hat die falsche Antwort gegeben.
„Es gibt keine falschen Antworten. Nur falsch eingegebene Suchbegriffe bei google, oder kein Netz!“, kommentiert der Moderator. Irgendwie richtig, denke ich mir. „Man muss nichts wissen, außer wo es steht und wie man da dran kommt“, erläutert der Moderator weiter. Das ist einer der Sprüche die mich meine Schulzeit hindurch begleitet haben. „Der moderne Mensch hat verkümmerte Fähigkeiten in der Informationsspeicherung und Abrufung solcher.“

Hm, ist dem so? Oder braucht er höhere….ich bin mir nicht sicher. Ich denke darüber nach wann man Informationen braucht, die heute zu Allgemeinwissen zählen sollten. Vieles steht irgendwo im WWW…..außer Berufsspezifische Sachen vielleicht. Selbst die könnte ich mir rausziehen, wenn ich wüsste nach was ich suchen muss.

Doch: Larp-Geschichten und Fantasy-Hintergründe müssen wir uns wirklich merken, um sie zu wissen. Sie stehen nicht öffentlich. Sind wir aber in unseren Denkprozessen so auf die Auslagerung von Wissen angewiesen, dass wir eigentlich damit überfordert sind? Ich sehe vermehrt die „Aufbereitung“ von Fantasywissen. Auch von mir selbst. Vor 1-2 Jahren überlegten wir Plotbücher als eBook anzubieten. Ich fasse seit einigen Jahren alle IT-Texte aus Mythodea zu einem Buch zusammen. Es hat ein Inhaltsverzeichniss und Schlagwörter. Quasi eine Suchmaschine auf Papier. Auf dem ConQuest ist mir letztes Jahr ein Spieler mit Touchpad/Netbook/ipad (irgendsowas) begegnet, der dies in eine Holzschale gepackt hatte und nun alle Infos dort sammelte. Es gibt nur wenige Leute die die Menge an Infos der Fantasywelt Mythodea abrufbar wissen, ohne Nachschlagewerke. Das gilt sowohl für Teilnehmer wie Orga/SL. Wir brauchen die „Gedächtnisstützen“.

Sind wir durch die moderne Mediennutzung und Informationsverwaltung in unserem Alltag in unseren Fähigkeiten so beschnitten worden, dass wir kaum in der Lage sind uns etwas zu merken? Wie haben das die Menschen im Mittelalter und der Antike gehalten? Mussten die nicht einfach viel mehr auswendig wissen….?

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8 Gedanken zu “Radioweisheiten vs. Larp-Realität

  1. Wissen wo etwas steht ist etwas das man bei der Menge an verfügbarer Information heutzutage wirklich lernen muss und auch ein gewisses Maß an Intelligenz verlangt. Denn nicht nur wo man Informationen findet sondern diese zu beurteilen und zu verwerten sind die maßgeblichen Dinge die man leisten muss um aus diesen Informationsmengen auch sinnvoll etwas zu verstehen (und nicht nur wiedergeben zu können). Tatsächlich scheint es so das man nicht mehr soviel wissen muss, aber das was man wissen könnte auch anwenden kann.
    In der Larp-Welt scheint der Anspruch nach „richtiger“ Information aber ebenso vorhanden, ist ja auch verständlich denn wenn ein Plot erzählt wird sollte Hagen vom Dunklenbach – der Erzbösewicht- nicht auf einmal Hannelore vom Unkelbach (die nette Müllerin von nebenan) werden. Daher wird viel mitgeschrieben, alles digital sortiert und aufbereitet. Das ist viel Mühe aber an sich hat man leider auch nicht soviel Zeit sich mit allen zu befassen wie es der eigene Charakter nunmal hätte. Wir kompensieren also mit den „nachschlagen“ nur unseren Mangel an Zeit für das „Wissen aneignen und merken durch Übung“.
    Ich würde daher die Radioweisheit etwas erweitern “Man muss nichts wissen, außer wo es steht , wie man da dran kommt und wie man es anwendet.”

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  2. Ich konnte mir Namen, Daten und Hintergründe schon immer ungheimlich schlecht merken. Ich kenn aber Leute die solche Dinge nur einmal aufnehmen müssen und schon können sie damit arbeiten. Diese Leute lesen sehr viel. Jetzt kann man sich fragen: Was war zuerst da? Das Huhn oder das Ei!? Kommt diese Fähigkeit vom vielen lesen oder lesen diese Leute deshalb so viel weil sie nicht, wie ich zum Beispiel, immer wieder zig Seiten zurück blättern müssen um noch mal nachzuschlagen wer dieser Gollum nochmal war. Früher hatten die Menschen auch sämtliche Telefonnummern im Kopf. Heute nicht mehr. Ist das Handy weg sind es auch sämmtliche Telefonnummern. Woran lieg’s? Sind die Leute heute nicht mehr in der Lage sich Telefonnummern zu merken? Oder ändern die sich heute einfach zu oft!? Alle zwei Jahre ein neuer Handyvertrag. Grübbel, Grübbel…

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  3. Beziehungsweise hat die Mehrheit der Menschen im Mittelalter/wo auch immer nicht gewusst, wie die Welt hinter der nächsten Stadt aussieht, denn sie sind kaum je weiter weg gegangen…. wie auch schon Sam bei Herr der Ringe meint, als sie an der großen Hecke angekommen waren: „noch einen Schritt weiter und ich bin so weit von zu Hause fort, wie noch nie zuvor!“
    Und alles Andere wurde Meist erzählt, weil auch Lesen eher nicht so das Ding der Allgemeinbevölkerung war…

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  4. Der Wert belegbarer Information ist zudem höher geworden – ich schau lieber nochmal in meiner Quelle nach, als alles so wiederzugeben, wie ichs mir gemerkt habe, weil da auch was falsch sein könnte. Im Mittelalter wusste es tendenziell halt keiner der Umsetehenden besser – und so wurde auch viel falsches oder Halbwissen tradiert. Der Larper geht aber auch ans Larp mit nem modernen Anspruch an die Richtigkeit der Informationen, die er erhält, heran. Irgendwas runterrattern, was man sich nur halb gemerkt hat, ist nicht ganz akzeptabel. Und alles bis ins letzte Detail weiß man halt doch meist nicht mehr. Mein Gedächtnis ist schon ne ganz schöne Müllhalde voller nützlichem und unnützem Wissen, und sicher nicht untrainiert darin, sich Dinge zu merken, aber ich stelle eben auch immer wieder fest, dass ich mir Details falsch gemerkt habe. Und dann ist nachschauen halt doch nicht schlecht, weil dann sagt man nix falsches.

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  5. Dazu kommt, das sich das Larp verändert hat und die Spieler und Veranstalter selbst eine Welt mit höherer Realitätsdichte verlangen. Und plötzlich muss man die Karten mit 100 Dörfern belegen und wie diese interagieren. Plötzlich muss alles und jeder einen Hintergrund haben. Ist übrigens nicht nur im Larp so, das ist auch eine Diskussion bei Computerspielen: Wenn NSCs irgendwo rumstehen, sollen sie auch was zu sagen haben, am besten noch Hintergrund, Fluff und so weiter… früher hat das irgendwie keinen gestört…

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  6. Auserdem is die Masse an wissen immer größer. wie merken uns nicht weniger als die menschen früher, es gibt für uns nur mehr, das man wissen könnte

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  7. Die Menschen im Mittelalter und der antike hatten Bücher/Papier/Steintafeln. 😉
    Es wird also seit jeher Information „extern abgespeichert“, nur die Form hat sich im Laufe der Jahrhunderte geändert.

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    • Aber es konnte kaum einer lesen. Selbst unter den Adeligen war Bildung im deutschsprachigen Raum nicht weit verbreitet, von Lesefähigkeiten mal ganz zu schweigen.

      Außerdem darf man nicht von „den Menschen im Mittelalter“ reden. „Die“ haben wohl im Durchschnitt deutlich weniger gewusst als wir heute wissen. Man glaubt immer, dass ohne PCs das Wissen in den Köpfen gespeichert war. Ja, war es. Aber nicht in allen Köpfen. Man braucht gar nicht so weit zurückzugehen und sich fragen, wie das Leute im Mittelalter gehandhabt haben. Man braucht manchmal nur zwei Generationen zurückgehen. Da gibt es viele Leute – gerade auch viele, die zur Zeit des zweiten Weltkriegs Kinder waren – die zwar sehr spezielles Wissen über den Arbeitsbereich haben, in dem sie tätig sind, (Handwerker, Bauern, Gärtner usw. sind das bei mir in der Familie), aber über eine aus heutiger Sicht doch recht unzureichende Allgemeinbildung verfügen.
      Anders wird das im Mittelalter nicht gewesen sein. Da wusste man vielleicht noch, wie der Landesherr und wie der König heißen, man wusste, wie man den Acker bestellt und die Namen seiner Nachbarn, aber das war es. Irgendjemand verwies hier auf den Satz von Sam aus dem Herrn der Ringe. Jep, genau so ist es. Natürlich gab es im Mittelalter und in der Antike Leute mit sehr großem Wissen und auch der Fähigkeit, sich ganze Bücher auswendig zu merken und sie mündlich weiterzugeben. Das werden aber sicherlich Ausnahmetalente gewesen sein.

      Heute sind wir in der komfortablen Lage, dass wir Wissen schnell auf elektronischem Wege nachschlagen KÖNNEN. Und zwar insofern, als dass wir uns auch recht schnell in Sachen einlesen und einarbeiten können, die uns vorher noch nie begegnet sind.

      Auch dürfen wir, wenn wir hier auf Live-Rollenspiele blicken nicht vergessen, dass die Leute das noch zusätzlich zu ihrem ohnehin schon bestehenden Wissen tun. Das heißt: Zu allem, was sie (die Leute) ohnehin schon wissen, kommt jetzt noch weiteres – im Grunde unnützes – Wissen hinzu. Das man sich das irgendwann vielleicht nicht mehr alles merken kann und will, halte ich für ganz normal.

      Ich muss auch zum Schluss noch einmal festhalten: Nachschlagen, ob im Buch oder im Internet ist irrelevant, ist keine Schande und sollte als Erungenschaft betrachtet werden.

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