Wenn die Nachtigall krakeelt

Nachtschicht. Meine liebste Zeit. Man ist für sich.

Es ist 4 Uhr in der Früh, die kälteste Zeit der Nacht. Gen Osten, der erste Schimmer, das Versprechen eines neuen, verflucht heissen und staubigen Tages. Und man denkt sich so: Verdammt. Man legt sich schlafen, kann aber nicht. Der Planet wird anfangen runterzustechen und man schwitzt in seinem Schlafsack, wälzt sich links und rechts und es ist heiss. Schweissperlen auf der Stirn, Salz und Staub auf meiner Haut.

Aber noch ist es kühl. Und ruhig. Kein Spieler, kein NSC. Die letzte Zombiewelle ging schlafen.

Da, ein Stapfen. Leise. Setzt sich zu mir auf die Bank, stellt mir ungefragt einen dampfenden, heissen Kaffee hin. Hmmm. Kaffee. Hierbei fällt mir immer ein, das Kaffee situationsbezogen schmeckt. Der selbe Kaffee, die selbe Marke, im Büro – naja, der Coffeeinmangel treibts runter. Abends, in einem Bistro, mit einer schönen Frau – toll das Zeug.

Und es gibt die seltenen Situationen, wo Kaffee richtig toll schmeckt. Wenn einem die Tasse die Finger wärmt. Er dir die Müdigkeit vertreibt und den Gedanken Geschwindigkeit verleiht. Im Gegensatz zur Mentaten-Plörre von Dune kriegt man davon aber keine Flecken auf den Lippen…

Der beste Kaffee den ich je getrunken habe, war aus einer Blechtasse. Bei Sonnenaufgang über dem Gletscher des Kurodake-Vulkanes auf Hokkaido. Instant-Pulver und Gletscherschnee.

Der hier kam dem nahe. Gott segne meine Lager-Ösis für diesen Kaffee.

Da fange ich an zu rezitieren was mir gerade in den Sinn kommt.

Über allen Zelten
Ist Ruh‘
In allen Lagern
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde
Warte nur, balde
Ruhest Du auch.

„Goethe?“
„Hmm…jupp“. Ah. Bei ihm ist auch noch was in der Schule hängengeblieben. Schweigen. Wir trinken Kaffee und starren auf die Sterne. Toller Sternenhimmel in Brokeloh.

War da was von „Die Vögelein schweigen im Walde..“? Nein. Es ist eine Nachtigall. Ganz gewiss. Mit Shakespeare: Es war die Nachtigall und nicht die Lerche….

Und sie krakeelt. Ja. Das war kein Singen mehr. Kein leises, verkünsteltes gezwitschertes Ziwitt ziwitt… Nö. Durch die Stille der Nacht verstand man die Vogelsprache: „Mein Revier. Mein Revier. Ich vögel hier….“. Tscha. Und dann: Noch eine. Im Baum hinter uns. Ein kurzes Verstummen, Stille.

Wir sahen uns an und mussten lachen. Damit hat die erste wohl nicht gerechnet. Aber wir lagen falsch. Es war nur ein Luftholen. Was dann begann, war wohl ein DJ-Rapbattle zwischen zwei Vögeln. Eine lauter als die andere. Und es ging bis zum Sonnenaufgang.

Sowas hat man nur in der Nachtschicht. Dafür schwitz ich gerne beim Aufwachen.

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7 Gedanken zu “Wenn die Nachtigall krakeelt

  1. Ja es ist ein stehender Begriff, dass weiß ich bereits, aber deshalb noch lange nicht richtig 😉

    Und gerade Zeitungen sind kein Garant für Richtigkeit!

    😉

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  2. @llewellian schöner Beitrag! Sterne kucken und morgens vom Vogelgezwitscher (oder gezanke) daran erinnert werden, dass man nicht alleine ist…einfach einmalig…

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  3. Hat Spaß gemacht das zu lesen, gerade weil man sich selbst an ähnliche Szenen erinnert, während man auf Nachtwache oder eben Nachtschicht als SL war.
    Seien es nun stretende Vögel oder ein Reh, dass unvermittelt mit Famile aus dem Wald kommt und dich erstmal minutenlang aus nur ein paar Metern Entfernung anstarrt.

    Aber eins muss ich bemängeln: Die Sonne ist kein Planet, sondern ein Stern.
    /klugscheißmodus aus 😉

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