Ich bin ein Star, holt mich hier raus

Avatar? Wow, geil! Ja ne, is klar. Auch wenn es sich manche Leute nicht vorstellen können, ist die Rolle des Avatares auf dem Conquest extrem begehrt. Wers nicht glaubt: Ich selber wurde von fünf Spielern gefragt, ob Sie nicht den Avatar machen könnten … innerhalb von drei Tagen … und die ersten Anfragen kamen nach der „Endschlacht“ am Samstag…

Auch wenn es schon einige Wissen oder ahnen, hier mal ein kurzer Einblick in die glorreiche Rolle voller Sex, Drugs und Rock n’Roll, nur damit man weiss, wovon wir reden:

1- Die Spieler wollen alles – aber nix dafür tun

300 gerüstete Krieger wälzen auf die Reihen des Feindes zu, angeführt von Ihrem Avatar. Kurz bevor es zum Zusammenprall kommt, erhebt der Avatar seine Waffe und brüllt ein „Viva(t)“ und 300 Krieger brüllen im Schlachtenwahn voller Inbrunst den Namen Ihres Elementes, bevor die Welt in einem Regen aus Stahl und Schmerz untergeht. Wohin man auch blickt, es ist ein Gemetzel. Wie aus Stein gemeisselt ragt die erhabene Gestalt des Avatares aus dem Meer der Leiber hervor.

So, und jetzt bitte alle mal aufwachen. Wieder da? Gut, dann mal hier die Realität: 300 Larpkrieger auf einem Fleck bedeutet nicht Epik, 300 Larpkrieger bedeutet: Grillen wollen, aufs Klo müssen, Rücken verstaucht wegen Unsportlichkeit und schlechter Rüstung, Hitzekoller und allgemein Unlust wegen Gesoffen haben und vor allem bedeutet es eins: „Was will er Typ da vorne eigentlich?“ „Ne, mit dem Spiel ich nicht“ „Der hat doofe Ohren“

Mit anderen Worten: Den ganzen Epik-Scheiss kann man sich geflissentlich in die Haare schmieren und für private Träumereien aufheben. Wenn man Glück hat, kommen zufällig genug Leute zusammen und dann kommt für ne Sekunde oder so etwas derartiges Zustande – und wenn man ganz viel Glück hat, ist der Avatar zufällig in der Nähe.

Der Anteil an Spielern, die aktiv gemeinsam was aufziehen wollen ist gemessen an der Lagergrösse ziemlich klein und selbst wenn diese Spieler dann bereit sind, die Zähne zusammenzubeissen und den Arsch hochzukriegen, scheitert es meist daran, dass nicht alle zum gleichen Zeitpunkt am gleichen Ort sind.

2- Schön dass du da bist – aber nicht schlimm, wenn nicht

Es gilt wie im richtigen Leben: Man kann es nicht allen recht machen. Versucht man es allen recht zu machen, bedeutet dass nur, dass keiner was gegen einen auszusetzen hat – aber andererseits auch nicht von einem in irgendeiner Weise angesprochen ist. Sobald man versucht, als NSC bemerkt zu werden und aus dem grauen Einerlei hervorzustechen, entscheidet man sich für eine Darstellungvariante – und verscheisst es sich automatisch mit denen, die lieber die andere Darstellungsvariante mögen: Ist man knallhart, meckern die Weicheier, ist man sanft, meckern die Hardliner, ist man der Moscher, meckern die Stoffis, ist man der Stoffi, kotzen die Moscher. Versucht man, alles gleichzeitig zu sein, ist man schizophren und sollte besser ärztlichen Rat aufsuchen.

3 – Epik im Larp

Es haben sich endlich Spieler zusammengerafft, um die magische Salatgurke den Feinden zu rauben und sie in einem magischen Ritual sauer einzulegen. Als krönender Abschluss kommt nun die feierliche Übergabe des magischen Artefakts an den Avatar, natürlich möglichst episch und mit viel Pyro, wie Teilnehmer haben ja gezahlt und da darf man ja wohl was erwarten (wer’s nicht glaubt darf gerne mal Teammitglied werden, da wird einem dieser Standpunkt sehr oft und sehr ausführlich erläutert) – und damit gehts los: Die Pyro muss im Lager kurz vor dem Auftritt aufgebaut werden, was ja verständlich ist, denn morgens aufbauen für abends ist fällt in Anbetracht mancher Teilnehmer und Ihrem Verantwortungsbewusstsein flach. Logischerweise muss die Pyro von unsichtbaren Heinzelmännchen installiert werden, denn OT im Lager ist scheisse. Klar, außerhalb des Lagers wäre eine Location für tolle SFX klasse … aber dann muss man ja laufen … und zu weit weg vom Grill ist es auch … und überhaupt, warum müssen Teilnehmer sich für die Showeinlage anstrengen?

Als nächstes müssen die unsichtbaren Heinzelmännchen rechtzeitig informiert und instruiert werden. Zu blöd nur, wenn die Plot-Koordination urplötzlich ein spontanes Magieritual einer größeren Spielergruppe abnehmen muss (die haben ja gezahlt, also von daher…), die Orga mitgeteilt bekommt, dass vor drei Stunden eine Perücke in den Abfluß er Duschen gestopft wurde (ist natürlich erst aufgefallen, als dass Wasser aus dem Container schwappte) und die Pyroleute noch mit einem Einsatz beschäftigt sind, der eigentlich vor zwei Stunden fertig gewesen sein müsste, nur hatten bis dahin die Spieler noch nicht aufgegessen und geduscht (ist ja auch heiss unter so ner Perücke, da muss man ja auch mal Verständnis haben).

Das alles würde normalerweise dazu führen, dass man zähneknirschend den Auftritt verschiebt – wenn sich nicht schon per Flüsterpost der Gedanke festgesetzt hat, dass der Auftritt jetzt stattfindet und sich eine Masse an Spielern schon auf dem Weg zum Avatar befindet. Gratulation, lieber Avatarspieler, dann leg mal los aber bedenke: Stripperinnen, die zu Warteschleifenmusik tanzen können leider nicht zur Verfügung gestellt werden….

4 – Ein bisschen Mathematik aus meinem Arbeitsbereich

Erfahrungsgemäß interessieren sich vielleicht 60% der Lageristen für den Avatar. Innerhalb dieser 60% finden dich 10 Prozent scheisse (Zu gross, zu bös, zu fett, zu dünn, nicht so toll wie der letzte) und 40% sind nicht mit dir, deiner Klamotte oder deinem Auftreten zufrieden (könnte er nicht ein bisschen netter sein? Ein bisschen blauer? Ne andere Klamotte?)… bleiben also noch 30%. Höchstens (!) 10% schaffen es, mehr als nur guten Tag zu sagen, der Rest sagt einfach mal nur guten Tag, fragt, wie der Plot X geht, möchte geheilt werden, möchte gesegnet werden, möchte möchte, möchte, möchte – und geht dann wieder sofort, wenn er gekriegt hat, was er will. Was will man schließlich sonst noch mit einer Inkarnation eines Gottes besprechen? Etwa über die neuesten Sportwetten und Kochrezepte reden? Letztlich spielen tut man also nur mit vielleicht 10% des Lagers, für alle anderen ist man entweder nur eine nützliche Notwendigkeit, interessantes Zootier oder einfach nur ein Arschl***. Und wo wir gerade bei Arschloch sind: Lob bekommt man als Avatar von den Spielern, die man durch das Spiel überzeugen konnte – Kritik von allen, die dich mal irgendwo gesehen haben oder vom Avatar gehört haben.

5-  Zeitmanagement für Fortgeschrittene

Der erste SC am Tag, der was von einem Avatar will, wird in der Regel so gegen 9:00 wach. Der letzte SC, der was vom Avatar möchte, legt sich  so gegen 05:00 Uhr morgens hin. Das Areal, in dem ein Avatar benötigt wird, beträgt einige Hektar (fast das ganze Gelände, mit Ausnahme der Klos und Duschen, wobei es auch schon vorgekommen ist das während des Duschens gebrieft wurde…). Das Anziehen, Zähneputzen und Schminken plus Laufwege nimmt in der Regel 80 Minuten in Anspruch, fürs Abschminken, Duschen und Zähneputzen plus Laufwege geht auch noch mal ne Stunde drauf.  Diesen Anforderungen steht ein einziger Avatar-NSC gegenüber, denn Vertretungen kommen nicht in Frage – wer gibt sich schon mit so ner blöden Festrolle ab, wenn er den Avatar sehen möchte? (Nein, diese Satz ist nicht ironisch, dieser Satz ist harte Realität, wie ich selber festgestellt habe). So, und nun, lieber Avatar-NSC leg mal bitte los – und denk dran, je länger du die Spieler warten lässt, umso mehr unzufriedene SCs hast du an der Backe.

6 – Steigerung möglich

Hat man all das gemeistert oder zumindest hinter sich, gibt es noch eine Aufgabe, die sowohl die schwerste als auch die wichtigste ist: Hab Spass!

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10 Gedanken zu “Ich bin ein Star, holt mich hier raus

  1. Pingback: Immer wieder Montags « Conquestofmythodea's Blog

  2. an alle SC`s aufm CoM – man kniet mal nieder oder verbeugt euch wenn ihr am Avatar vorbeigeht. 08 war ich wohl so ziemlich der einzige der das getan hat – auch wenn ich im Magielager wohl so ziemlich der einzige Söldner war und in einer std. schon das zehnte mal an Magica vorbeigegangen bin.

    ein schöneres Kompliment kann man dem NSC kaum machen und man bringt stimmung für sich und andere.

    … usw.

    Gruß
    Olaf

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    • Und was bzw. wer zwingt mich dazu den Avatar als meinen Gott anzusehen? Warum muss ich vor ihm nieder knien oder mich verbeugen?
      Mein Charakter respektiert die Avatare und grüßt sie auch dementsprechend mit einem nicken bzw. einer Handgeste, aber wirklich vor dem Avatar zu knien würde ihm nicht einfallen.
      Die ist eine Geste des Respekts die seiner Hauptgottheit bzw. seiner obersten geistigen und weltlichen Führern vorbehalten ist.

      Komplimente macht man den NSCs am besten dadurch, dass man konsequent und schön spielt.

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  3. Ach das klappt auich bei Spielern, ehrlich! Als Feuerlagerprinz Anno 07 habe ich genau so eine Aktion gebracht, das war eine meiner geilsten Larpszenen überhaupt…
    Aber ja, bis zu diesem Zeitpunkt wars verdammt viel harte Arbeit… Die Spieler zu motivieren 3 mal am Tag ne Heerschau abzuhalten, exerzieren, zusammen zu stehen usw… Ich glaube Kathrin kann sich noch an meinen kleinen Nervenzusammenbruch am Abend vor der besagten Szene erinnern *grins*
    Tja es ist schon hart so ein Larpdienstleister leben…

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  4. Pingback: Larp: Epik und Realität | The Cynxpire

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