Con-Träume und der kleinste gemeinsame Nenner

Im LARP gibt es seit jeher – und erst recht, seit es kein Nischenhobby mehr ist – etliche verschiedene Strömungen, Vorlieben und Meinungen. Was ist gutes Rollenspiel, was die richtige Mischung zwischen Kampf und Abenteuer auf einem Con, wie viel Intime muss es sein, wie wichtig sind das optische Auftreten der Spieler und die Requisiten, wie strikt sollte man sich an ein vorhandenes Regelwerk halten, braucht man überhaupt ein Regelwerk etc. pp. Über derartige Fragen wird sich seit Jahren im ConQuest-Forum (wie in etlichen anderen Foren natürlich auch) immer wieder und wieder gestritten, aber zu einer Einigung, der einzig und allein glückselig machenden Mischung, ist man meines Wissens nach noch nicht gelangt.

Meine Theorie ist daher, dass ein gelungenes, gutes Con stets auf den kleinsten gemeinsamen Nenner aller Teilnehmer (sprich der zum Con passenden Klientel) abzielt – man kann es halt nicht allen recht machen. Ein klar formuliertes und kommuniziertes Konzept eines Cons ist dabei natürlich entscheidend, denn wer auf einem Diplomatiecon Schlachten rund um die Uhr erwartet, der kann schließlich nicht anders als enttäuscht werden. Auf dem ConQuest ist das erfahrungsgemäß nicht anders, darum wird ja versucht, so klar wie möglich im Vorfeld darüber zu informieren, was die Teilnehmer in den verschiedenen Lagern erwartet (in Elementarlagern wie. z.B. dem Erdlager, in freien Lagern wie z.B. dem Orklager, in der Stadt, einzelnen NSC-Lagern etc.). Viele Orgas bieten zudem auf Ihren Homepages eine FAQ an, um die häufigsten Fragen schonmal zu klären. Klar erlebt jeder subjektiv ein und dieselbe Veranstaltung meist ganz anders, aber diese Infos helfen im Vorfeld schon enorm. Und wer sich auf etwas einstellen kann, wird seltener enttäuscht.

Ich glaube aber, dass viele im Grunde (noch) gar nicht wissen, was sie eigentlich wollen. Sei es, dass sie noch keine oder kaum LARPerfahrung haben, oder dass sie für ihren Char einfach selbst noch kein Konzept entwickelt haben – nichts mag so richtig zu ihnen und ihren Erwartungen passen. (Übrigens behaupte ich, dass die Erwartungen steigen, je länger man dieses Hobby betreibt, und dass man daher umso schwieriger auch zufrieden zu stellen ist ^^)

Nun ist es ja so, dass auch ich vor rund 10 Jahren mal begonnen habe mit LARP, und im Laufe der Zeit relativ genau gemerkt habe, was ich mag und was nicht. Was also wäre das perfekte Con für mich?

Ich träume von einem Con, wo alle, Spieler, NSCs und SLs, ziemlich genau meine persönliche Einstellung teilen. Dann könnte ich in jeder Situation immer davon ausgehen, dass

– keine OT-Gründe hinter irgendwelchen Aktionen stecken
– kein Anfängerchar künstlich aufgeblasen wurde und nur seine vermeintliche Macht demonstrieren will
Ritter in Rüstung wenigstens eine Weile Knappe waren und ihr Handwerk auch IT gelernt haben, und entweder genug Geld für ihre Ausrüstung aufbieten können oder einen reichen Gönner haben und keine (dem Hintergrund nach) Waisenkinder in poliertem Stahl sind!
Großmeistermagier auch mal IT was gelernt haben und wirklich viel Erfahrung haben, also wirklich richtig viel!
Heiler, besonders magische, auch mal länger als eine Minute an einem Verletzten rumdoktorn, und Patienten nicht nach 2 Minuten wieder in der ersten Schlachtreihe stehen
– Aktionen nicht, niemals nicht und unter gar keinen Umständen, dem Abbau von RL-Komplexen dienen
– Spieler mehr daran interessiert sind, Charaktere mit Ecken und Kanten, sprich auch Schwächen zu spielen, als zu gewinnen (was auch immer gewinnen hier bedeuten mag)
– Spieler akzeptieren, dass ihre Charaktere nicht immer und überall alles alleine machen können sondern auf die Hilfe anderer Spezialisten (!) angewiesen sind
– Spieler sich freiwillig spezialisieren und auch wenn die Charaktere alt sind eben nicht alle Punkte in sämtliche der im Regelwerk vorhandenen (aber eigentlich gar nicht zum Char passenden) Zauber und Fähigkeiten stecken, sondern auch anderen mal den Vortritt lassen
– Spieler sich auch IT Meister- und Großmeisterprüfungen unterzogen haben, wenn sie sich schon als solche bezeichnen (Kämpfer, Magier, Heiler, völlig egal!)
– der Tod eine heldenhafte Sache ist (verdammt, ich will dass man über meinen Tod Geschichten erzählt, und nicht, dass ich beim die-Treppe-Hochfallen draufgehe, dafür gibt’s die Realität), mein Char auf einer schönen Beerdigungszeremonie beweint wird und ich glücklich sein kann, dass der ein so tolles Ableben hatte
– ich mich darauf verlassen kann, dass IT-Aktionen auch einen IT-Sinn haben, auch wenn ich den im Moment des Auftretens nicht verstehe

Diese Liste ist natürlich beliebig erweiterbar, allerdings ebenso schön wie utopisch. Denn es gibt einfach kein einziges Con, wo alle Leute meine Vorstellungen teilen. Eventuell wäre das noch auf einem kleinen privaten Einladungscon möglich, darüber hinaus halte ich das aber für völlig unmöglich. Erst recht ist das auf einem Großcon der Fall, das versteht sich wohl von selbst.

Also bleibt nur der von mir bereits angesprochene kleinste gemeinsame Nenner. Der beinhaltet neben dem Konzept der Veranstaltung (über dessen Natur sich einfach mal alle im Vorfeld schon genau informieren sollten) aber auch, dass man sich eben leider nicht immer auf eine IT sinnvolle Intention seines Gegenübers verlassen kann, sondern gewisse Dinge einfach einkalkulieren muss. Natürlich sollte man immer und überall eine adäquate, dem Charakter angemessene Reaktion zeigen – aber erwarten kann man es von seinem Gegenüber nicht unbedingt, schon weil dieser wahrscheinlich ganz andere Vorstellungen von seinem Hobby hat, als man selbst (was ja wiederum völlig legitim ist).

Was also tun? Ich denke, man muss die Vielfalt akzeptieren. Und wenn man merkt, dass man das nicht kann, dann muss man sich halt ehrlich eingestehen, dass ein Großcon vielleicht doch nicht das Richtige ist. Die Schuld für den eigenen, vermeintlich verdorbenen Spaß durch andere, sollte man dabei aber nicht immer dem Spiel der anderen Zuschieben, sondern sich lieber im Vorfeld genau darüber informieren, was einen auf einer Veranstaltung vermutlich erwarten wird. Das schützt zwar auch nicht zu 100% vor Fehlentscheidungen, aber man kann sich immerhin auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einstellen, meint ihr nicht?

Übrigens: Ich habe immernoch die idealistische Vorstellung, dass das eigene gute Beispiel Schule machen kann! 🙂

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